top of page
20210702_131312.jpg

           Pilgern unter einem Hut - Unterwegs mit Sandra

       Bayerisch Schwäbischer Jakobsweg 

Etappe 13:  Von Bad Grönenbach  nach Altusried 12,3 km

20210728_121500_edited.jpg

Freitag, 03.07.2021

Next Stop: Altusried

Das schlechte Wetter hat sich in der Nacht verzogen. Für heute sind angenehme Temperaturen, Bewölkung mit sonnigen Abschnitten und kein Regen angesagt. Yippieh!

Ich verlasse meine Unterkunft  und werfe nochmal bei blauem Himmel ein Blick auf die Pfarrkirche, deren Turm vom Fuße des Hügels zwischen zwei Häusern ganz schön mini aussieht.

Nach Altusried sind es nur 12 Kilometer, aber am eigentlichen Etappenende in Wiggensbach ca. 10 km weiter, habe ich leider keine Unterkunft mehr bekommen.

​​

20210702_103048_edited.jpg

Wo lang?

Die erste Herausforderung des Tages ereilt mich in Form einer Entscheidung. An einer Bank steht ein Schild, das mich verwirrt.

Der Jakobsweg führt geradeaus weiter über das freie Feld. Nach rechts parallel zum Waldrand zweigt jedoch auch ein gut erkennbarer und frisch gemähter Weg ab.

Diese Abzweigung wird  von der bayerischen Pilgergemeinschaft empfohlen (deren downgeloadeten gpx Tracks ich folge).

Hm. Es sieht nicht aus als habe jemand, oder die Natur, mit dem Wegweiser Flaschendrehen gespielt und dabei die Richtung verändert.

Ich entscheide mich schließlich dafür den ausgeschilderten Jakobsweg zu verlassen und nach meiner App zu laufen. Hinter dem Waldrand geht es bald in den Wald hinein, kurz relativ steil bergab, dann aber auf einem breiten Fahrweg idyllisch durch sonnendurchfluteten Wald. Nachdem ich wieder aus dem Wald komme, folge ich einem Fahrweg weiter durch Wiesen. Kurz bevor ich den Weiler Sommersberg erreiche, treffe ich an einer kleinen  Fahrwegkreuzung zum Glück wieder auf ein Schild mit Muschel.

Das gibt mir direkt ein viel besseres Gefühl. Ich bin happy  zurück auf dem beschilderten Camino zu sein.

Kettenhund

Fast nahtlos stehe ich vor dem nächsten Dilemma. Das gelbe Pilgerbüchlein schreibt, ich soll hinter Sommersberg nach Süden steil zum Wald hinabsteigen, zum Maierhof.  Meine Komootapp führt mich jedoch in einem weiten Schlenker eine Teerstraße hinunter Richtung Maierhof.  Ich entscheide mich erneut für die App und somit für den Umweg über die Teerstraße. 

Sommersberg besteht aus zwei Händen voll Gebäuden, inclusive Ställen. Vor einem dieser Häuser, links der Straße, liegt ein großer Hund unter einem Baum und beobachtet mich aufmerksam, während ich näher komme. Ich glaube, es wäre clever ihn nicht zu provozieren und weiche freiwillig weit nach rechts aus, aber ich weiß schon worauf es hinauslaufen wird. Als ich sein Revier erreiche, schießt der Hund auf mich zu und bellt mich aus Leibeskräften an. Zum Glück ist er an der Kette, die ihn unsanft zurück reißt, als er deren Ende erreicht. Ich hoffe mal darauf, dass das Hilfsmittel hält.

So häufig geht hier ja niemand vorbei, deshalb bin ich schon froh, dass der Hund nicht frei sein Haus und Gut verteidigen darf. Aber es ist nicht halb so schlimm wie die Begegnung auf der Bullenweide vorgestern. Ich brauche mein Herz nicht aus der Hose zu fischen. Der gelungene Angriff braucht eben einen Überraschungsmoment.

E-Biker voraus 

Kurz vor dem Maierhof biegt der Jakobsweg scharf rechts von der Straße ab, und bleibt bis zum Waldbeginn harmloser Fahrweg.  Dann verengt er sich zum Pfad, der nicht mehr für Kraftfahrzeuge befahrbar ist. Von da geht es dann in mehr oder weniger steilen Passagen durch den Wald bis hinunter an die Iller, wo das Highlight des Tages wartet: die stahlträger-blaue Hängebrücke über die Iller. "Trittsicherheit erforderlich", hatte ich zu diesem Abschnitt gelesen.

Ich will gerade dem Weg hinunter zum Wald folgen, als mich ein älteres Paar auf E-Bikes, sie etwas kräftiger gebaut, überholt und an der Gabelung anhält. Sie sehen nicht extrem sportlich aus. Ich höre noch wie die Frau zu ihrem Mann sagt: „Wir probieren das einfach“.

Das finde ich persönlich jetzt mutig.​ Und zack, sind die Zwei an mir vorbeigerauscht. 

20210702_123425_edited.jpg

Wenn die das mit dem Rad schaffen, kann ich das wohl locker zu Fuß. Also trabe ich ohne E-Antrieb, nicht ganz so rasant, hinterher.  An der ersten Abfahrt im Wald, die mit walnussgroßen Kieseln  übersäht ist, wundere ich mich schon, wie sie das wohl gemeistert haben. Respekt. Kurz darauf kommt die nächste Agility-Übung, eine luftige schmale Brücke über ein Rinnsal, die man überwinden muss und auf der anderen Seite in die dritte Balanceprobe mündet. Hier wartet ein kurzes Stück schmaler, unebener Steig, links Hang, rechts Abhang.  Uijuijuih …, wer sich hier verbremst verliert und macht einen Abgang den Steilhang hinunter.

Ich bin mal wieder froh, dass ich meine Stöcke dabei habe. Alles in allem ist der Abstieg zur Iller nicht so steil wie ich es erwartet habe. Lediglich die letzten 50 Meter sind nochmal etwas extremer, aber auch gut durch ein Geländer gesichert. Von oben habe ich eine gute Aussicht auf die Brücke und den Fluss und kann auch an der anderen Seite am Ufer erkennen , dass die E-Biker dort eine Rast machen. 

20210702_125433_edited.jpg
20210702_125701_edited.jpg

Eine praktische Hängebrücke

 

Ich mache ein paar Fotos und steige dann bis zur Brücke herunter, womit  ich den Landkreis  Unterallgäu verlasse und auf der anderen Seite den Landkreis Oberallgäu betrete.

Die Brücke selbst hat eine schönere Farbe als das Wasser über das sie fließt. Am anderen Ufer der braunen Iller geselle ich mich zu den wagemutigen Radlern und spreche sie an.

Sie geben freimütig zu, dass sie an den zwei steilen Passagen die Räder geschoben haben. Das beruhigt mich ein wenig. Sie wohnen ganz in der Nähe. Spontan haben sie sich entschlossen bei diesem tollen Wetter einen Tagesausflug zu machen.

Wie in den vergangenen Tagen  kann ich auch heute wieder viele Raubvögel auf Beutezug beobachten. Der Mann erklärt mir, dass es sich dabei hauptsächlich um Sperber und Milane handeln würde. Ich habe allerdings keinen blassen Schimmer, wie ich die auseinanderhalten kann.

Neben der Brücke steht eine Infotafel. Ich lerne, dass es hier bis 2001 eine Fährverbindung über die Iller gab und die Brücke erst 2007 gebaut wurde (ich nehme an, in den sechs Jahren dazwischen musste man rüber schwimmen).

Erst seit 14 Jahren hat der schwäbische Jakobusweg durch diese neue Verbindung eine kürzere und attraktivere Wegführung Richtung Lindau gefunden. 

20210702_132909.jpg

Spaziergangsende in Altusried

Ich bin fest davon überzeugt, dass der Rest des Tages nun aber wirklich ein Spaziergang ist und kurz hinter der Brücke die Dächer von Altusried auftauchen werden. Zumindest in der Ferne.​ Aber es taucht nur etwas anderes auf: Vor meinem inneren Auge erscheint ein kleiner Konfuzius und hebt mahnend den Zeigefinger. Ja,ja. Schon gut, ich weiß Bescheid.

Dass, was ich gerade auf der anderen Seite der Iller abgestiegen bin, steige ich nun nämlich auf dieser Seite durch den nächsten Wald wieder auf. Dabei kämpfe ich mich einen Weg hinauf, der einem ausgetrockneten Bachbett gleicht, voller Steine und Holz, Äste und Furchen. Unangenehm zu gehen und anstrengend.  Oben angekommen, spähe ich über die Wiesen. Jetzt müsste es aber endlich zu sehen sein, oder?

Immer noch keine Spur von Altusried. Ich laufe insgesamt noch über eine Stunde nach der Hängebrücke weiter, bis ich in Altusried ankomme.

​Ich dachte, halbe Strecke ist gleich halbe Anstrengung. Aber wieder mal zu naiv gedacht. Ich bin tatsächlich genau so platt wie an den anderen Tagen. Das auf und ab hat mir ordentlich zugesetzt. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste jetzt noch weitere zehn Kilometer bis nach Wiggensbach laufen und dabei noch mindestens einen größeren Anstieg bewältigen... Nee, ich glaube, ich möchte es mir gar nicht genau vorstellen. 

Die müde Bärin findet ihre Höhle

Das Universum hat das ja anscheinend schon vorher gewusst, und mir mit der fehlenden Übernachtungsmöglichkeit in Wiggensbach sachte zu verstehen gegeben, dass Altusried wohl die bessere Wahl für mich sei.

Ich checke im Gasthof „Zum Bären“, direkt an der Hauptstraße gelegen, ein und strecke erstmal bärenlike alle Viere von mir. Viereinhalb Stunden war ich unterwegs für 12 Kilometer. Gut, ein ausgiebiges Päuschen war dabei. 

20210702_195851_edited.jpg
20210702_160524_edited.jpg

Zentral auf dem Marktplatz von Altusried steht ein Marktbrunnen umgeben von ein paar kleineren Geschäften. Ein paar Schritte weiter die Hauptstraße entlang finde ich sogar eine Eisdiele und gönne mir zur Feier meiner Ankunft ein leckeres Eis. Das erste seit ich unterwegs bin.

Anschließend hole ich mir meinen (vorerst) letzten Pilgerstempel in Altusried in der Pfarrkirche  St. Blasius und Alexander ab. 

Dort hinterlasse ich auch meinen letzten Pilgerstein und frage mich, wer ihn wohl finden und weitertragen wird.

Heimwärts

Am anderen Morgen bekomme ich noch ein sehr großzügiges Frühstück aufgetischt von dem mindestens vier Personen satt geworden wären. Im Bären hat man einen Bärenhunger. Logisch. Dann nehme ich den nächsten Bus Richtung Heimat.

Ich freue mich schon jetzt auf meinen nächsten und letzten Abschnitt des Bayerisch-Schwäbischen Jakobswegs, der mich nach Lindau am Bodensee führen wird.

Infos zu Etappe 13

20230203_165847_edited_edited_edited_edi
20210703_092033_edited.jpg

Meine pilgergfreundliche Übernachtung:

Gasthof Zum Bären

Hauptstr. 20

87452 Altusried

Die gpx tracks für den Bayerisch/Schwäbischen findet ihr  hier: 

https://www.pilgern-schwaben.de/bad-groenenbach-lindau-nonnenhorn/

Kmot Karte BGrönenbach Altusried 2.png
bottom of page