

Jakobsweg Vorbereitung: Plan P wie Pilgern.
Pilgern gehen wollte ich. 800 Kilometer bis nach Santiago de Compostela. Allein als Frau. Auf dem Klassiker, dem Camino Frances. Ausgerechnet ich! Vorweggenommen: Ich hab's getan und bin angekommen. Möchtest du auch losgehen, aber weißt noch zu wenig, um dich zu trauen?
Zeit sich mit den Basics zu beschäftigen und den Angstnebel im Kopf zu lichten.
Wie bei jedem unvorhersehbaren Ausgang eines bevorstehenden Großereignisses, sollte man sich zunächst mit den wichtigen W-Fragen beschäftigen, um vorbereitet zu sein und Antworten geben zu können. Eventuell auch, um schlimme Langzeitfolgen, wie z.B. den Schnarchtinitus, zu vermeiden.
Die folgenden Fragen habe ich mir vor dem Losgehen gestellt. Vielleicht helfen sie auch dir vor dem ersten Schritt auf den Pilgerweg.
Warum willst du pilgern und was bedeutet Pilgern für dich?
Ich kann da jetzt zunächst nur von mir sprechen. Meine persönliche Übersetzung vom pilgern lautet den Fokus auf meinen Geist zu lenken, ihn zu weiten und die oft kreisenden Gedanken verstummen zu lassen. Es bedeutet zu Lächeln und das Leben des Augenblicks zu genießen, aber auch Schmerz zuzulassen. Ich möchte meiner flatternden Seele näher kommen bis sie sich zu mir setzt, zu mir Vertrauen fasst, ich ganz ruhig werde und ihre schillernden, zarten, Flügel ganz aus der Nähe bewundern darf.
Es gefällt mir mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, Anderen zu begegnen, ihre Geschichten zu hören, von ihnen zu lernen und meine Grenzen auszuloten. Wahrscheinlich werden sich neue Türen öffnen und andere Sichtweisen ergeben.
Der Camino Francés im Speziellen bedeutet für mich einen lange gehegten Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Und ja, ein bisschen Abenteuerlust ist auch dabei. Wie spirituell es dann wird? Wird sich zeigen.
Ich stellte mir dazu vor, dass ich es mir nicht ganz so schwer wie die Pilger im Mittelalter machen wollte. Im Gegenteil. Mein Schweinehund ließ ausrichten, wenn er denn mit muss auf die Fußreise, bestehe er darauf es sich so angenehm wie möglich zu gestalten. Nicht cheaten und Busfahren - das habe ich ihm schon klargemacht, aber er favorisierte eine überdachte, saubere, im Optimalfall schnarchfreie Unterkunft für die Nacht, ein gutes Abendessen und die modernen technischen und funktionellen Errungenschaften gewinnbringend zu nutzen.
Auch wenn diese Einstellung mit sich brachte, dass ich, gerade für meine Ausstattung, ein paar mehr Euronen investieren musste, mir aber auch sicher war, hin und wieder mal ein Privatzimmer für ungestörten Nachtschlaf gönnen zu können.
Soweit, so gut zur Motivation. Aber wie wird so ein Vorhaben jetzt konkreter?
Wann ist die beste Zeit für den Jakobsweg?
Grundsätzlich war es früher eine gute Idee im Mai oder September zu starten, um zumindest einem Teil der in den spanischen Ferienmonaten Juli und August auftretenden Hitze- und Pilgerwelle zu entgehen und damit auch Engpässen in der Übernachtungslogistik auszuweichen. Allerdings sehen das mittlerweile extrem viele Pilgerinnen und Pilger genau so, so dass es im Mai und im September eher voller geworden ist als im Sommer. Besonders die Deutschenlieben es zu Saisonbeginn nach Ostern zu starten. Wer auf dem Francés oder dem Portugues in ruhiger Atmosphäre pilgern möchte, der muss spätestens im März starten oder ab Oktober gehen.
Wo soll ich meinen Jakobsweg beginnen?
Am allerbesten natürlich vor der eigenen Haustür, wenn man sich für den ganzen Weg die Zeit nehmen kann. Das können die wenigsten. Ansonsten eignet sich für Pilgeranfänger der portugiesische oder der französische Camino. Das sind auch die beiden Routen, die am häufigsten gegangen werden.
Wie lange braucht man für den Jakobsweg?
Wie lange du unterwegs bist, hängt natürlich davon ab, welchen Jakobsweg du dir ausgesucht hast und wie viel Zeit du hast. Für meinen Camino Francés von Saint-Jean-Pied-de-Port bis Santiago hatte ich rund sechs Wochen eingeplant.
Wie viele Kilometer läuft man am Tag?
Einmal kräftig schlucken. Wer sich als ungeübter Wanderer damit beschäftigt und Reisebüchlein oder Apps mit Etappenempfehlungen öffnet, verspürt erstmal Fluchtinstinkte oder erhöhten Augendruck. Die meisten Etappenpläne haben es sowohl höhentechnisch als auch längenmäßig in sich. Aber letzten Endes entscheidet die individuelle Fitness darüber wie weit du gehst. Der Camino ist kein Wettrennen. Einige müssen das erst hardcore lernen. Das sind die, die los spurten, die man irgendwann aber wieder ein- oder sogar überholt. Weil deren Füße oder Knie so kaputt und überanstrengt sind vom hohen Anfangstempo.
Was muss ich für den Jakobsweg mitnehmen?
Es war tatsächlich schwierig herauszufinden, was ich tatsächlich mitnehmen und sechs Wochen auf meinem Rücken tragen konnte, wenn man wie ich plante ohne Packpferd aufzubrechen.
Prio 1: die Wahl der richtigen Schuhe! Denn solange der Kopf noch dran ist, sind die Füße die Könige am körperlichen Schachbrett. Sind sie schon nach ein paar Zügen matt ist das Spiel vorzeitig zu Ende.
War ein Hut mit breiter Krempe besser für mich oder doch so ein multifunktonales Tuch, welches gleichzeitig Haare zurückhält und als Schal, Schweißband oder Handtuch benutzt werden konnte?
(An dieser Stelle schon der Spoiler - es ist der Hut geworden - erst anschließend habe ich mir logischerweise die Domain Pilgerhut reserviert....)
Welches war letztendlich der richtige Rucksack? Besonders diese Fragestellung trieb mich um, denn in meiner frühen Vergangenheit als Backpackerin hatte ich schon öfter die Erfahrung gemacht, wie sehr ein schlecht sitzender Rucksack alle Arten von Schmerzen von Kopf bis Steißbein, von Schulter bis Hüfte, auslösen konnte. Damit nahm er einen entscheidenden Einfluss auf die Laune und das Durchhaltevermögen seiner Trägerin.
Also, kurz resümiert, bequem sitzen sollte er, ein anständiges Tragesystem haben und ein geringes Eigengewicht. Am liebsten wäre mir noch ein für die weibliche Anatomie designtes Modell mit Vorrichtung für ein kompatibles Trinksystem gewesen. Ich hatte so ein paar Kandidaten schon gesichtet, aber es haperte dann meist am Leichtgewicht.
Und wie ist das mit dem Schlafsack? Ich bin doch so eine Frostbeule. Gibt nichts Schlimmeres als nachts irgendwo mit den Zähnen zu klappern statt zu schlafen! Aber größtenteils war es im Sommer in Spanien sicher auch nachts heiß und schwül und mich würde höchstens das Zähneknirschen meiner schlafenden Mitpilger nerven. Würde mir objektiv betrachtet nicht auch so ein taschentuchgroßverpacktes Seidentüchlein mit Druckknopf genügen? Das würde schon mal ein Kilogramm Gewicht einsparen. Aber vielleicht würde ich dann doch meine Mitpilger wachklappern?
Fragen über Fragen!
So ließ ich meine imaginären Entscheidungswürfel schließlich rollen und bestellte mir im Internet die Dinge, die ich als für mich geeignet geortet hatte.
Per DHL kamen dann nach und nach einige Pakete an und bereiteten mir beim Auspacken mehr Freude als eine persönliche Übergabe durch Santa Claus.
Wo finde ich eine gute Jakobsweg-Packliste?
Auch nach dem Kauf meiner Ausrüstung habe ich immer wieder nach einer für mich optimalen Packliste im Netz gesucht, fand aber nur vereinzelt Zusammenstellungen, welche entweder nur auf die männliche Anatomie zugeschnitten oder für den Ultrapilger so übertrieben zusammengewogen waren, dass ich mich zwar daran orientieren konnte, aber mehr auch nicht. Ich hätte mir ein paar konkrete Empfehlungen von Normalo-Pilger zu Normalo-Pilger gewünscht, aber vielleicht hab ich nicht in den richtigen Foren gesucht.
Deshalb habe ich mich mal selbst bemüht und zusammengeschrieben, aber letztlich muss jeder seine eigenen Erfahrungen machen und auch seine Liste je nach Camino-Tour, Länge und Jahreszeit anpassen.
Mehr zu meiner Ausrüstung und meiner persönlichen Jakobsweg-Packliste findest du hier.
Was hilft gegen die täglichen Anstrengungen beim Pilgern?
Spontan fällt mir ein, die Trinkblase im Rucksack mit Wein statt Wasser aufzufüllen. Aber, um es mal salopp zu formulieren, so funktioniert das leider auch nicht.
Als echte Helferlein für die Füße würde ich gehen mit: Heilwolle, Blasenpflaster und Hirschtalgcreme, aber in Wirklichkeit geht es über dieses "Erste-Hilfe-Päckchen" im Rucksack hinaus.
Es hat mit deiner gesamten Einstellung zu tun. Betrachtest du dein Glas als halb voll, statt halb leer, ist auch deine Blase am Fuß halb leer statt halb voll. Also in der Theorie.
Aber mach zur Sicherheit und für deine Gesundheit doch lieber Heilwolle zum Abpolstern oder ein Pflaster auf die Blase drauf.
Was ich wirklich damit sagen will: Du hast es selbst in der Hand, wie du die Dinge siehst. Du bist deines Glückes eigener Schmied. Glaubst du fest an dich und dass du es schaffst - schaffst du es auch!
Schmeiß deine Ängste über Bord und vertraue dir selbst und dem Universum. Der Rest wird schon. Und vergiss nicht - es ist dein Weg. Du kannst ihn gehen, wie immer du willst. Was die anderen sagen und machen zählt nicht.
Wo finde ich Informationen und Tipps für den Jakobsweg?
Na klar, natürlich im Netz. Im Internet verbrachte ich vor Abreise ganze Abende damit mich zu informieren, Blogs zu lesen und mich in der Folge mit wachsender Begeisterung auf den Reisestart zu freuen. Außerdem gibt es wirklich einen Haufen praktische Apps für unterwegs. Eigentlich braucht man keinen Reiseführer mehr, das Handy ersetzt ihn einwandfrei. Aber ich kaufte mir dennoch das gelbe Handbuch, Camino Frances, vom Outdoorverlag (das dem Pilgerverständnis nach leider ziemlich dick und schwer ist, dafür aber sehr hilfreich). Ich wollte -oldschoolmäßig- sehen und nachblättern können, was auf mich zukommt.
Damit plante ich, welche täglichen Teilstücke ich bewältigen wollte, sah mir auch die Höhenprofile der weiteren Etappen an (nicht immer die beste Idee!) und überlegte, wo es für mich Sinn machen könnte zu übernachten.
Ich war vorbereitet. In jeglicher Hinsicht. Dachte ich.
Na gut, konditionell vielleicht nicht. Aber das würde mein Wille schon wettmachen.
Kleiner Zwischen-Exkurs zum Pilgern früher und heute:
Ursprünglich war Pilgern ja ein religiös motivierter Gang, wobei vornehmlich Mönch, Abt oder Bischof, aber auch einfache Menschen aus der Unterschicht, in der Überzahl Männer, auf ihrer Wanderung mit sehr spartanischen Hilfsmitteln, Essen und Unterkunft auskamen. Ohne Geld.
Eine Unternehmung von Verzicht und enormen körperlichen Anstrengungen geprägt, ihr Gelingen abhängig vom Geleitbrief der Kirche und der Barmherzigkeit der Mitmenschen am Weg. Eine gefährliche Reise zum Grab des Apostels, die mit dem Erlass der Sünden oder (im ungünstigsten Fall) mit dem Tod endete.
Die Ausgangslage ist im 21. Jahrhundert eine andere. Es geht weniger um Sündenerlass und mehr um ein modernes Phänomen, das Tausende in seinen Bahn zieht. Die Motive loszulaufen sind facettenreicher denn je. Der Kommerz und der Fortschritt haben Einzug in die Pilgerwelt gehalten. Gratis für den heutigen Camino-Frances-Pilger sind wahrscheinlich nur noch die Blasen an den Füßen.
Aber Spaß erstmal beiseite, bis ihr euch an meinen Humor gewöhnt habt: Pilgern heutzutage ist großartig! Und ungefähr so gefährlich wie ein Besuch bei IKEA: Man weiß nie, mit was man wieder nach Hause kommt.
Was, wenn ich Angst habe, den Jakobsweg zu gehen?
Auf dem Camino gibt es für alles eine Lösung. Die Menschen, die man trifft sind unendlich hilfsbereit. Habe Vertrauen und gehe einfach los. Der Rest wird sich finden. Es wird die wunderbarste Erfahrung deines Lebens werden. Camino provides. Der Weg hilft dir.
Du willst noch ein bisschen weiterpilgern?
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